Historische Geographie

Dr. Patrick Reitinger

Meine Forschungsperspektiven

Meine Forschungsperspektiven folgen der mitteleuropäischen Tradition der Historischen Geographie, die sich seit den 1970er Jahren an der Schnittstelle von Geographie, Geschichte und Archäologie entwickelte. Ich beschäftige mich mit den Theorien und Methodologien regionalgeographischer Forschungspraxis und ihrer Disziplingeschichte unter zwei besonderen Gesichtspunkten: Die Historische Kulturlandschaftsforschung bildete sich erstens in der Bundesrepublik Deutschland als Antwort auf die Kritik an den Begriffen der Länder-, Landes- und Landschaftskunde heraus, die seit dem Kieler Geographentag 1969 in der westdeutschen Geographie formuliert wurde. Sie öffnete sich früh für konstruktivistische Forschungsansätze, ohne dabei die grundsätzliche Historizität und Materialität von Räumen aus den Augen zu verlieren, und verortete sich dabei konsequent international und interdisziplinär. Ihr gelang es zweitens nach dem Ende des Kalten Kriegs schnell, ostmitteleuropäische Perspektiven auf regionalgeographische Forschungspraktiken in einen gesamteuropäischen Fachdiskurs zu integrieren. Diese Tradition der Historischen Geographie dachte neben der Theorien- und Methodenentwicklung auch Fragen der angewandten Forschung mit und trug dadurch zu einem regionalen, nationalen und europäischen Wissenstransfer bei.

 

In dieses transdisziplinäre Forschungsumfeld ordne ich mich als Geograph ein, der geisteswissenschaftlich-hermeneutische Methoden mit Methoden der interpretativen Sozialforschung verbindet. Meine Perspektive auf Landschaft und Raum ist geprägt durch die wissenssoziologische Tradition der Gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit von Peter L. Berger und Thomas Luckmann und deren Weiterentwicklungen in der Sozialkonstruktivistischen Landschaftsgeographie nach Olaf Kühne, des Kommunikativen Konstruktivismus in der Lesart von Hubert Knoblauch oder der Kommunikativen Raum(re)konstruktionen von Gabriela B. Christmann. Zudem schließe ich an die theoretischen Diskussionen der Sonderforschungsbereiche 1199 "Verräumlichungsprozesse unter Globalisierungsbedingungen" in Leipzig sowie 1265 "Re-Figuration von Räumen" in Berlin an. Zur regionalgeographischen Theorieentwicklung nutze ich wissenssoziologische und wissenschaftsgeschichtliche Forschungsmethoden. In meinen empirischen Forschungsprojekten untersuche ich hauptsächlich politische Prozesse in ländlich-peripheren Regionen sowie Grenzen, Grenzräume und grenzüberschreitende Beziehungen mit einem regionalen Schwerpunkt im östlichen Mitteleuropa.

 

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Mein Weg als Wissenschaftler

Nach einem Bachelorstudium der Staatswissenschaften an der Universität Passau und einem Masterstudium der Sozial- und Bevölkerungsgeographie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg wurde ich in Bamberg mit einer Arbeit zur Verräumlichung von Relevanz und der Entstehung der Bayerischen Ostmark in der Weimarer Republik im Fach Historische Geographie promoviert (2022). Als Mitarbeiter an der Professur für Historische Geographie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg leitete ich zwei internationale Forschungsprojekte zur Entwicklung ländlicher Regionen in der bayerisch-tschechischen Grenzregion seit dem Ende des Kalten Kriegs (2019–2021). Ich war Gastwissenschaftler am Collegium Carolinum in München (2019) und am Forschungszentrum für Kulturgeographie und Historische Geographie der Karls-Universität Prag (2020). Gegenwärtig unterrichte ich als Lehrbeauftragter Historische Geographie und Regionale Geographie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, bin assoziiertes Mitglied am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg und Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich Historische Geographien am Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Leipzig.